Afrika - Im goldenen Kaefig

Geduld Christina! Ich bewege mich zwischen Warten, Verehrung und Gefangenschaft.
Ich warte darauf, dass etwas geschieht. Ich warte darauf, dass jemand kommt. Nichts kann ich selbst veranlassen.
Schwester Can bewacht mich wie ein Kleinod; allein darf ich nicht hinaus des Nachts, aber auch tagsueber will man mich nicht so recht eigene Wege gehen lassen. Man will mich umsorgen und beschuetzen.
Ich werde verwoehnt wie eine Prinzessin! Von den Maegden mit Essen versorgt, bedient, beknickst, man laesst mich nichts tun. Ich gewoehne mich daran zu sitzen und zu warten, bis serviert ist, und alles stehen zu lassen, bis die Bediensteten es wegraeumen.
Dann versucht mich Sr Can wie eine gute Gesellschafterin zu unterhalten, versucht mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Was kann ich tun, dass sie gluecklich ist, Christina, unser Gast? Sie fuehrt mich hierhin, dorthin, zeigt mir dieses und jenes, umarmt mich, haelt mir die Haende, schenkt mir Geborgenheit, will mir Heimat in der Fremde geben. Oh, wo haette ich solche Zuwendung in meinen eigenen vier Waenden zu Hause?
Und doch ist es gerade dieses staendige Umsorgtsein, das ich als Einschraenkung meiner Freiheit empfinde. Ich kann nicht entscheiden, was ich tun will. Ich darf keinen Schritt alleine machen, werde immer beobachtet. Mein Tag wird eingeteilt, mein Zeitplan ist vorgegeben und Dinge, die ich mein Lebtag gemacht habe, sind mir auf einmal verwehrt.
Da wird es mir auf einmal so eng - und ich muss hinaus!
Hinaus - um zu mir zu finden, hinaus, um mich zu spueren.
Als sie alle fort sind, trete ich durch das Tor. Hinaus aus dem umzaeunten Garten, hinter die Mauer, die oben mit spitzen Glasscherben gesichert ist, um Diebe fernzuhalten.
Na, wie fuehlt sich das an? Ich komme mir ganz verwegen vor und doch auch ein Stueck weit unsicher.
Hinter dem Pfarrhof entdecke ich eine liebevoll angelegte Grotte mit einer Marienstatue, davor ein paar Steine zum Sitzen und ringsum ein Blumengarten. Ich gehe zur Madonna und verweile; auch hier im schwarzen Kontinent eine weisse Puppenmadonna, etwas, was wir zu Hause auch haben und da fuehle ich mich auf einmal geborgen in der Fremde da draussen und habe etwas erlebt, was mir gehoert.. Das koennte ein Lieblingsplaetzchen werden.
Schnell zurueck in den sicheren Hort. Fuer heute ist mein Freiheitsdrang gesaettigt!

Und wieder warte ich. Warte auf diese liebevollen zwei Menschen, die sich hier um mich kuemmern, fuer die ich so dankbar bin und durch deren Fuersorge ich mich doch eingeschraenkt fuehle. Verdammt Christina, was willst du eigentlich?

Erneut bin ich ans Haus gefesselt! Verurteilt zur Abhaengigkeit! So geht das nicht! So eingesperrt in den goldenen Kaefig! Wer mich kennt, der weiss, der Adler will fliegen!

Wieder wage ich mich allein hinaus, wage mich vor in den Ortskern, spaziere die Hauptstrasse mit den Geschaeften entlang. Die Geschaeftsleute mustern mich mit teils misstrauischen, teils reservierten, ja abweisenden Blicken. Undenkbar einzutreten in die Laeden und Bretterbudenstaende. Habe ich die Menschen Lugarawas doch noch nicht erobert?
Nein, nicht alle. So mutterseelenallein ohne den Schutz meiner einheimischen Bezugspersonen bin ich nun doch einer Palette unterschiedlichster Reaktionen auf mein Erscheinen ausgeliefert: Sensationslust, Misstrauen, Argwohn, Ablehnung, Gleichgueltigkeit, aber auch Herzlichkeit, Ehrerbietung und freundlicher Annahme.
Die Kinder laufen zusammen, starren mich unverhohlen an und schreien: Mzungu, Mzungu, Mzungu .... (Europaeer). Wohl manch ein Erwachsener stuerzt auf mich zu, erweist mir Ehrerbietung, fasst mich liebevoll an den Haenden, ja legt mir die Haende auf und segnet mich. Andere jedoch sind gleichgueltig, misstrauisch zurueckhaltend, ja abweisend oder gar feindselig. Erhobenen Hauptes gehe ich durch den Ort, gruessend, laechelnd, freundlich! Lass dich nicht unterkriegen Christina! Zeig es Ihnen!
Meine Angespanntheit weicht und ich spuere Erleichterung als ich durch den Ort durch bin.
Und weiter hinaus zieht es mich, die Landstrasse entlang! Ein Stueck Freiheit schnuppern und fuer Minuten spuere ich sie. Die Nase nach vorn, immer weiter, was kommt hinter dem naechsten Huegel? Ein neuer Huegel. Es hoert nicht auf. Endlos Huegelketten, sieben Berge, irgendwo so koennte man meinen, sei die Hoehle der Zwerge in Sicht.
Beim Rueckweg wage ich mich auf die kleinen ausgetretenen Pfade auf wildem Land und suche meinen Weg frei zum Pfarrhof zurueck. Mutig Christina!
Die Schwester schlaegt die Haende zusammen bei meiner Rueckkehr. Sie glaubt, sie hoert nicht recht! Wo warst du? Allein? Oh Christina! und umarmt mich.

Fr Jon tritt aus dem Dunkel der Nacht im Fussballdress, abgekaempft, verschwitzt, froehlich! Von Sr Cans Haenden werde ich nun in seine uebergeben. Vergnuegt fuehrt er mich hinauf in unsere Essgemaecher, zieht sich um, erscheint frisch geduscht im blauen Sportpullover zum Abendessen und ich verwandle mich in die Gutsherrin und zur strahlenden Prinzessin. Er zitiert heute eine ganze A4 Seite lang einen Text ueber Aloe Veraprodukte in deutscher Sprache, obwohl er gar nicht Deutsch kann und wir zerkugeln uns vor Lachen. Jeder Abend im Gutshof ein Fest!