Afrika - erste Woche im Pfarrhof

Ich wohne im Pfarrhof, der eher ein Gutshof ist: Starkes, rotes Mauerwerk, vierkantiges, festungsaehnliches Herrenhaus mit einem grossen Garten. Obstbaeume, Bananen, Papayas, Gemuesegarten. Dort arbeiten schwatzend und lachend junge Burschen mit ihren Harken. Ein Huehnerhof, eingezaeunt, ein paar friedlich grunzende Schweine in ihrem Holzverschlag, unten die Tischlerei und die Autoreparaturwerkstaette, die Fischteiche und dazwischen ihr Herr, der Pfarrer, irgendetwas gebietend. Hier ein paar Befehle, dort ein paar Auftraege, da eine Anregung. Manager eines grossen Betriebes, businesman!
Und das ist, wie sich spaeter herausstellt, laengst nicht alles.
Herr dreier Kirchenbauten, Manager grosser Projekte, Schulbau, Anlegen eines riesigen Fischteiches um Geschaefte mit Fischverkauf zu machen, Einrichten eines Aids Waisenhauses, dazu eine riesige Pfarre und 19 Aussenstellen zur Betreuung.
Die Rolle eines Priesters hier ist grundlegend verschieden von dem was wir in Europa kennen. Und wie mir scheint sind es die besten Koepfe des Landes, die hier echte Entwicklungsarbeit leisten.

Man hat es nicht eilig mich zum Unterrichten zu schicken. Die erste Woche ist fuer mich schulfrei. Ich soll erst einmal Fuss fassen, mich umstellen und mich langsam eingewoehnen.
"Die Europaer haben die Uhren, und wir haben die Zeit!" meint Fr Jon. Und ich weisse Frau aus dem Uhren-Kontinent, wo die Hektik, der Stress und der Herzinfarkt zu Hause sind, wo es jeder eilig hat und keine Zeit und der Terminkalender den Tag und so manche Freundschaft bestimmt, bekomme nun diese Zeit geschenkt!
Dafuer bin ich dankbar! Das Tempo Afrikas ist liebevoll, mir ganz angemessen, es gibt Gelegenheit zum Verweilen und zum Plaudern mit Menschen. Und mein Eintreten in die schwarze Welt ist so nicht wie ein Stoss in das kalte Wasser, sondern gibt mir Musse langsam einzutauchen in die neue Umgebung. So werde ich wohl auch nicht gleich untergehen.

Fr Jon und Sr Can gehen am Beginn der Woche freilich wieder ihren Beschaeftigungen nach, und so bleibe ich allein und mir selbst ueberlassen. Zu den Mahlzeiten werden wir uns wieder treffen, mittags um 13 Uhr und abends um 19 Uhr, also um 7 und 1 Uhr hiesiger Zeit, denn die Stunden werden hier von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gezaehlt. Um 7 Uhr morgens GMT ist die erste Stunde vorbei, dann ist es 1 Uhr, um 12 Uhr mittags ist es 6 und um 18 Uhr abends ist es 12 Uhr. Der Tag ist um. Die Sonne geht unter.

Ich habe den ganzen Tag nichts zu tun. Wie die Zeit fuellen, bis die Menschen, denen ich anvertraut bin, wiederkommen?

Fernsehen geht nicht, Musik hoeren oder am Computer arbeiten auch nicht, es geht gar nichts, wozu man elektrischen Strom braucht, denn diesen gibt es nur nachts in der Trockenzeit. Er wird mit Hilfe eines kleinen Wasserkraftwerkes mit einer Spezialturbine uebrigens aus Oesterreich erzeugt. Und das ist Glueck fuer Lugarawa, denn rundum in den Ortschaften gibt es auch das nicht. Die Menschen muessen sich mit Oellampen behelfen. Kein Wunder, dass in den langen Naechten so manches Baby gemacht wird.

Buch habe ich keines mitgenommen. Gerade noch ein Buechlein mit meditativen Texten habe ich in Dar es Salaam ergattert. Freunde kontaktieren steht nicht zur Debatte. Handyempfang gibt es keinen. Und hier kenne ich noch niemand. Und da gibt es ausserdem die Sprachbarriere.
Endlich Haare waschen, aber dazu muss ich zu den Maegden in die schwarze Rauchkueche gehen und sie darum bitten, mir auf dem Herdfeuer etwas Wasser zu waermen.

Ich gehe hinaus in den Garten und geniesse den angenehm warmen, taeglich wiederkehrenden Sonnenschein. So um die 22 - 25 Grad. Ein herrliches Klima!
Und dort richte ich mir einen Stuhl her und fuelle die Zeit mit Swahili lernen. Die Lehrbuecher, die ich mir in Melbourne gekauft habe, tun jetzt grossartige Dienste. Swahili - Englisch, Englisch - Swahili.